Die Geschichte des Plakates – vom Mittelalter bis heute.

Karl Wobmann

plakat-196441Die Geschichte des Plakates führt uns in die ältesten Zeiten zurück, denn es sind uns schon plakatähnliche Mitteilungen seit dem Mittelalter bekannt. Wahlpropaganda wurde schon im 1. Jahrhundert nach Christi auf die Mauern gemalt. Flugblätter, welche 1556 mittels Holzschnitt gedruckt wurden oder das Plakat für Seiltänzer, welches 1758 in Deutschland gefertigt wurde, sind Vorläufer des heutigen Plakatanschlages. Durch die Erfindung der Buchdruckerkunst 1439 durch Johannes Gutenberg, ergaben sich ungeahnte Möglichkeiten der Verarbeitung von Mitteilungen in grossen Auflagen, wobei die Illustration mittels Holzschnitt vorgenommen wurde. Der Staat, die Kirche, die Händler und viele andere bedienten sich der neuen Technik, um ihre Aussagen schnell und vielfältig verbreiten zu können.
Doch mit Alois Senefelders Erfindung der Lithographie 1796 öffneten sich der Reproduktionstechnik ganz neue Tore. Der grosse Aufschwung der Plakatlithographie kam etwa um 1860 von England her. In Frankreich nahmen grosse Künstler wie Pierre Bonnard, Jules Chéret, Theophil Steinlen und der wohl bekannteste Künstler Henri de Toulouse-Lautrec diese Technik begeistert auf, und es begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Lithographie. Sie bedienten sich vor allem der Chromolithographie, welche ihnen neue, noch breitere Möglichkeiten brachte.
Paris ist die eigentliche Geburtsstätte der grossen Plakat-Ära. Chéret hat über tausend Plakate entworfen und wurde von den Franzosen der „Schöpfer einer Galerie der Strasse“ genannt. Toulouse-Lautrec, der 1901 im Alter von 37 Jahren gestorben ist, hat uns 30 Plakate hinterlassen. Er wird aber noch heute als der grösste Plakatkünstler bezeichnet. Um die Jahrhundertwende wurde über seine Plakatkunst in der Öffentlichkeit mit grossem Interesse diskutiert.
Die deutschen und österreichischen Plakate um die Jahrhundertwende zeigten auch die dekorativen Motive des Jugendstils. Ein grosses Plakatwerk von Alphose Mucha mit seinen berühmten Plakat für Sarah Bernhard ist unvergesslich in diesen Zeitabschnitt eingegangen.
Die 20er Jahre waren sicher ein Höhepunkt der Plakatkunst in Europa sowie in den USA. Durch den Weltkrieg 1914 und die grosse Inflation kam die Plakatproduktion in Deutschland fast zum Erliegen. Die Plakatgestalter hatten zu jener Zeit fast keine Arbeit und an den Plakatwänden prangten traurige Aufrufe von Kindern in Not, von Hunger, Streiks und die Aufforderung zur Arbeit. Die gleichen Beobachtungen konnte man im übrigen Europa machen.
Die Schweiz dagegen, welche vom Krieg verschont geblieben war, hatte Hochkonjunktur was die Plakatwerbung betraf.
Wie die Kultur unseres Landes sich aus verschiedenen Einflüssen formte, so erhielt auch das Schweizer Plakat sein eigenes Gesicht. Am Anfang der modernen schweizerischen Plakate steht sicher Ferdinand Hodler, doch ist die eigentliche Geburtsstätte der grossen Plakat-Ära Paris.

plakat-192108Zwei gebürtige Westschweizer, Eugen Grasset und Theophil Steinlen, wirkten in den neunziger Jahren bereits in Paris und beeinflussten das Schweizer Plakat wegweisend. Im Schweizer Plakat um 1900 sind alle wesentlichen europäischen Stilrichtungen vertreten.

plakat-212077Mit Emil Cardinaux wurde die Ära der sogenannten „Künstler-Plakate“ eingeleitet. Sein Plakat mit dem „grünen Pferd“, das Landesausstellungsplakat von 1914, ist in die Geschichte der Schweizer Affiche eingegangen. Um 1913 begannen sich Cuno Amiet, Maurice Barraud, Edouard Vallet und andere freie Künstler intensiv mit dem Plakat zu befassen. Der Zürcher Maler Otto Baumberger trat mit seinen expressiven Theaterplakaten an die Plakatwände und brachte auch einen vergnügten Stil in die Verkehrswerbung. Anfangs der 30er Jahre begann Niklaus Stoecklin seine sachlich-nüchternen Plakate zu entwerfen, welche allgemein grosse Beachtung fanden.
Zwei andere Basler, nämlich Herbert Leupin und Donald Brun, tauchten bald am Plakathimmel auf, um mit ihrer fröhlichen, unbeschwerten Art uns Getränke, Stumpen und andere Konsumgüter bekannt zu machen. In dieser Zeit traten viele grosse Namen der Schweizer Plakatkunst auf. So auch der unvergessliche Alois Carigiet, welcher wie kein zweiter die Schweizer Heimat an die Plakatwände zauberte. An die Kunstgewerbeschule Zürich wurde 1918 Ernst Keller berufen. Der grosse Lehrmeister war dem Schriftplakat sehr zugetan und über 100 Plakate zeigen ihn als Meister der Typografie.
Mit Hans Erni wurden uns mit dem Mittel des Surrealismus ganz neue Wege der Plakatkunst vor Augen geführt. Ein Beispiel ist das Plakat von 1940 für die Ferienabonnement-Werbung der SBB. Iwan Hugentobler hatte sich ganz dem Pferd gewidmet und seine malerischen Plakate für alle Pferdeveranstaltungen zeigen den grossen Tierliebhaber.
Josef Müller-Brockmann gestaltete für die Tonhalle Zürich Konzertplakate, welche ausschliesslich aus typografischen Elementen gestaltet waren.

plakat-292438Auch in den vergangenen Jahren sind wieder initiative junge Schweizer Grafiker aufgefallen. Niklaus Troxler hat mit seinen Jazz-Plakaten die leine Gemeinde Willisau im Kanton Luzern in aller Leute Mund gebracht.
Augusto Giacometti, Karl Bickel, Otto Morach, Daniele Buzzi, Burkhard Mangold, Herbert Matter, Max Bill, Alfred Willimann, Armin Hofmann Wolfgang Weingart, um nur einige aufzuzählen, haben dem Schweizer Plakat zu Weltruhm verholfen. Die Liste der guten Plakatgestalter liesse sich auf einige hundert Namen erweitern. Mit der Schweizer Plakatgeschichte sind auch einige namhafte Druckereien verbunden. In der Westschweiz waren es die Firmen Attinger in Neuchâtel, Roto Sadag in Genf, Rot & Sauter in Lausanne und Säuberlin & Pfeiffer in Vevey. In Basel Morf & Co. sowie Wassermann. Im Tessin Veladini in Lugano. In Aarau Trüeb und Paul Bender in Zollikon. In Zürich Orell Füssli, I.C. Müller, Gebr. Fretz und wohl der berühmteste Plakatdrucker J. E. Wolfensberger. Sie alle haben mit ihren hochstehenden Lithographie-Abteilungen mit grossem Können die künstlerischen Entwürfe auf Papier gebracht und ermöglichten damit, den Unternehmern und deren Produkte einem breiten Publikum näherzubringen.
1941 wurde zum ersten Mal eine Jahresproduktion der Schweizer Plakate durch eine vom Eidgenössischen Departement des Inneren bestellte Jury bewertet. Bis zum heutigen Tag werden jedes Jahr die „Besten Plakate des Jahres“ ausgewählt und prämiert. Eine Jury von neun Personen beurteilt anfangs die eingereichten Plakate. Sicher keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass jeweils über 2000 Exemplare beurteilt werden müssen. Ein Reglement legt die Bedingungen fest. Bei der Auszeichnung sind politische Wahl- und Abstimmungsplakate ausgeschlossen. Mit grossem Aufwand übernimmt die Allgemeine Plakatgesellschaft jeweils die Organisation dieses Wettbewerbes und erstellt auch einen Farbprospekt mit sämtlichen prämierten Werken.
Anfänglich war im schweizerischen Plakatwesen ein grosses Durcheinander was die Formate anbetrifft. Durch die Initiative des Zürcher Lithographen J.E. Wolfensberger, welcher der Anregung des Ostschweizers Karl Bührer folgte, wurde 1910 das Einheitsformat der Plakate auf die Masse 90.5 x 128cm festgelegt. Für die Auslandswerbung, welche hauptsächlich den Tourismus betraf, wurde das englische Format 64 x 102cm verwendet. 1986 wurde das Cityformat 120 x 170cm und 1987 das 12m2 Format eingeführt.
Ca.20 Druckereien verfügen über Druckmaschinen, welche für den Druck von „Weltformat“-Plakaten geeignet sind. Durch die Vereinheitlichung der Formate wurde auch eine Rationalisierung des Plakatschaffens möglich. In der Schweiz sind elf grössere Firmen damit beschäftigt, den Vorschriften gemäss zu plakatieren, angeführt von der APG, welche mit ihrem Aushang die ganze Schweiz abdeckt, gefolgt von Impacta, AWI, OFEX und Plakanda sowie sechs weiteren kleineren Firmen. Die Vorschriften sind sehr streng und werden kantonal geregelt. So dürfen z.B. in keiner Station der SBB parteipolitische Plakate ausgehängt werden. In einzelnen Gemeinden dürfen keine für Alkohol oder Raucherwaren werbende Plakate ausgehängt werden.

plakat-100448In Zürich wieder dürfen diese Plakate nicht auf öffentlichem Grund gezeigt werden, wobei die gleichen Plakate auf privaten Klebestellen erlaubt sind. Die Plakate dürfen nicht mit fluoreszierenden Farben gedruckt sein. Sie dürfen aber auch die Gesetze des Anstandes nicht verletzen – so sind Plakate, die auf das Sexgewerbe hinweisen, ebenfalls verboten. Sicher erinnern Sie sich noch an das Rifle-Jeans-Plakat von 1982 mit dem nackten Po. In der Stadt Zürich wurde der Aushang verboten, in den anliegenden Gemeinden wieder erlaubt. Wie Sie sehen, gehen das die Ansichten der Moralisten weit auseinander. In der Stadt Zürich ist für die Beurteilung, ob ein Plakat angeschlagen werden darf oder nicht, die Gewerbepolizei zuständig. In der Regel bleibt ein Plakat 14 Tage ausgehängt und wird dabei viel mehr beachtet, als man eigentlich annimmt.
Die Firma AWI hatte 1983 ein Forschungsprojekt in Auftrag gegeben, welches interessante Aufschlüsse vorgelegt hat. Nach vier Wochen konnten sich noch 23 Prozent der Befragten an ein Plakat genau erinnern. Das zeigt doch, dass das Plakat auch heute noch ein äusserst attraktives Werbemittel ist und die Fähigkeit hat, das Publikum kontinuierlich zu erreichen. Es ist kaum zu glauben, aber jährlich werden in der Schweiz 3 Millionen 640 Tausend Plakate ausgehängt. Ja, wir begegnen dem Medium Plakat viel mehr als wir annehmen. In der Stadt an jeder Ecke, auf dem Land an jeder Scheune, in den 700 Bahnhöfen der Schweiz, in 200 Parkanlagen, in 190 Postämtern, an jedem Billettautomaten, in den Verkehrsbetrieben, an 300 Bergbahnen, beim Anstehen am Skilift, auf weit über 500 Skipisten, in 100 Skigebieten, auf dem Campingplatz, in den Schwimmbädern, auf dem Schiff, in jeder Sportanlage und auf jedem Flughafen, ja selbst beim Fernsehen bringt Ihnen jede Sportveranstaltung die Plakatwerbung sogar ins Wohnzimmer. In der Schweiz gibt es rund 111 000 Normal-Plakatstellen und über 20 000 grössere Werbeflächen. Um ein bestimmtes Zielpublikum zu erreichen und einen möglichst grossen Werbeerfolg zu haben, werden heute genaue Ermittlungen angestellt. An der Plakatstelle Hasle Luzern, Kantonsstrasse Richtung Luzern, ist eine Tagesfrequenz von 4000 Autos in beiden Richtungen gezählt worden, das sind in 14 Tagen 56 000 Autos.
Die Aussenwerbung befindet sind in ständiger Konkurrenz zu anderen Werbemedien und verlangt nach einer grossen Anstrengung von Grafikern, Druckern und Werbefachleuten. Durch die schnelle Rotation des 14-Tage-Aushanges konnte das Problem der gefragtesten Strassenstellen praktisch gelöst werden. Für die Plakatwerbung werden jährlich über 103 Millionen Franken aufgewendet. Kaum ist eine Plakatidee geboren, gezeichnet, gedruckt und an den Plakatwänden zu sehen, verschwindet nach 14 Tagen die ganze Herrlichkeit. Männer der Klebefirmen reissen die verwitterten Plakate herunter und bekleben sie mit neuen Kreationen der Plakatkunst. Erfreulich ist, dass wieder junge Grafiker von sich reden lassen und immer wieder unter dem vom EDI organisierten Plakatwettbewerb zu finden sind. Ich denke an Aeschlimann, Brühwiler, Coigny, Jeker, Jost, Staehlin, Troxler und viele mehr. Die Liste liesse sich ohne Mühe erweitern. Es ist darum nicht verwunderlich, dass diese Namen schon wiederholt an internationalen Plakatauktionen erschienen sind. Troxlers Plakate sind in den USA begehrte Sammlerobjekte. Plakatkunst ist schon lange nicht mehr eine nationale Angelegenheit, sondern eine Völkerverbindende.


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